Selin Yesil: Erdogan, ein Held der Kopftücher

Zwei junge Frauen mit Kopftüchern verhüllt, sitzen beisammen. Glücklich sind sie, weil Erdogan, der türkische Ministerpräsident und ihr Landsmann, das Kopftuchverbot aufgehoben und den Kopftuchträgerinnen zur Freiheit verholfen hat. “Endlich”, sagt Sümeyye, “die Diktatur der Ungläubigen gehört der Vergangenheit an”. Fatma findet sogar, dass jene Islamfeinde “froh sein sollten, dass Erdogan nicht genauso hart durchgegriffen hat, wie einst die Kemalisten”. Fatma sieht Erdogan als Retter und Held der gläubigen Frauen an”. “Ein mutiger und aufrichtiger Mann, der nur Gutes erreicht hat”, findet Fatma. Und auch Sümeyye bestätigt, dass dank Erdogan Gerechtigkeit im Lande der Großeltern eingekehrt sei. Nur an welche Tradition Erdogan letztlich anknüpft, wenn er auch den islamisch korrekt verhüllten Frauen den Weg zur Bildung und öffentlicher Arbeit freimacht, übergehen beide Frauen, wohlwissend, dass sie die strammen Angehörigen einer politischen Agenda und nicht nur fromme Gläubige einer friedlichen Religion sind. Es ist nämlich nicht aus der Tradition des Islam erwachsen, Frauen den Zugang zur Bildung und öffentlicher Arbeit zu gewähren. Jedenfalls nicht in der Türkei. Soviel durfte ihnen zwar bewusst aber nicht wichtig sein, denn geboren sind sie unschuldig in Deutschland, in einer Ära, wo im Gemengelage von Frauenbewegungen, permanenter Kritik des traditionellen Geschlechterverhältnisses und Kapitalismus nicht klar war, in welche Richtung sich der Islam in der Türkei entwickeln würde. Was in dem Treffen der Beiden aussieht, wie ein notwendiger Tanz in verschiedenen Welten und Zeiten, ist in Wirklichkeit der stillschweigende Triumph des politischen Islam in der Türkei. Auch der Islam in der Türkei hat scheinbar gesiegt, nicht revolutionär wie in ihrem Nachbarland Iran, sondern reformistisch. Schritt für Schritt über Unterwanderung der öffentlichen Institutionen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn wesentlich befeuert wurde die Unterwanderung von den meist frommen, türkischen Auswanderern in der westlichen Diaspora, denen man ohnehin nicht viel zutraute. Sie fielen wenn überhaupt nur in Gruppen und Ditib- oder IGMG-Moscheen auf. So wenig man ihn auch zutraute, gliederten sie den Islam recht früh in die Vereins- und Organisationsstrukturen der Gastländer ein und waren aktiv. Eine kleine Schar von türkischen Predigern, Intellektuellen, Politikern und Unternehmer aus der Türkei, indoktriniert mit dem Anti-Zionismus, dem Gedanken, das Böse sei im Juden verkörpert, steuerte die Frommen in der Diaspora und ließ sie nicht allein. Die türkisch-muslimische Frömmigkeit zeigte nicht nur das spirituelle Bedürfnis von einfachen Menschen, das befriedigt werden musste, sondern wurde oberstes Gebot. Einerseits um sich als “Muslim” zu bewähren, der im Leben kämpfen musste, um im Jenseits zu bestehen. Andererseits um das Dasein in der Diaspora auch irgendwie mit Sinn und Leben zu füllen.

Die türkisch-muslimische Frömmigkeit fing schräg an, wo die Unterdrückten und Ausgebeuteten in der Selbstwahrnehmung die Frommen selbst waren und die Nicht-Muslime, konkreter die Islamgegner stets die Skrupellosen, Unterdrücker und Nutznießer. Natürlich war dieses Denken nur solange gültig bis man selbst in den Genuss des Diesseits kam und das Verharren in der Opferrolle verwerfen musste, weil man plötzlich auch ein Haus, ein Auto und sich zwei Mal im Jahr Urlaub gönnte, praktisch lebte wie der im Bewusstsein konstruierte Ungläubige, dem man sonst in Nichts nacheifern durfte. Spätestens nachdem die ersten Halal-Hotels, Restaurants, Boutiquen und Schönheitssalons entstanden sind, wusste man, der Islam ist über geduldige Unterwanderung im Zentrum der Macht angekommen.

Nur bemerkt gar beobachtet haben diesen Siegeszug nur wenige. Die Schar der türkischen Frommen in der Diaspora wurde auch strapaziert. Von betrügenden Schein-Holdings wie Kombassan, Jetpa, Endüstri, die ihre Gläubiger zu Tausenden über den Tisch zogen, von Denizfeneri, eine islamische Hilfsorganisation, die Millionen Euros im Namen Allahs in die zweckfremde private Taschen leitete…
Aber dem politischen Islam konnten solche Skandale und Affären in der Türkei, ganz gleich wie groß sie waren, nichts anhaben. Die Frommen blieben fromm und geduldig. Erdogan und seine Gefolgsleute hatten es daher meist leicht und siegessicher gehabt.

Fatma und Sümeyye werden Erdogan immer verehren. Dass ihre Eltern selbst höchstwahrscheinlich auch einen mindestens fünfstellen Betrag an irgendein nebulöses, sogenanntes grünes Holding verloren haben, spielt für sie keine Rolle.  Auch wenn die Frommen in der Diaspora zermürbt sind, und nicht mehr wirklich für die Dawa, die islamische Mission, in der Türkei gebraucht werden. Fatma und Sümeyye leben in Deutschland und studieren islamische Religionspädagogik, um Religionslehrerinnen zu werden. Sie müssen in ihren beruflichen Identitäten von der gelebten Wahrheit abrücken und die entpolitisierte “Islam ist Barmherzigkeit”-Formel lehren. Warum auch immer. Die betroffenen Kinder, denen das zugute kommen wird, werden in den Familien und Moscheen vermutlich früh genug die ganze Wahrheit erfahren. Der Islam ist natürlich nicht nur eine Religion, sondern weit mehr eine ganzheitliche Ideologie und unhinterfragbare Weltanschauung.

6 Kommentare

  1. Zara Thustra · Oktober 11, 2013

    Es ist ausgesprochen amüsant, wie bekopftuchte junge Muslima, in Deutschland stets die Selbstverständlichkeit erklären doch frei zu sein. Sie vergessen jedoch hierbei zu erwähnen, dass sie nur deshalb freie Menschen sind, weil sie in einem nicht-islamischen, demokratischen und säkularen Rechtsstaat leben, der sie, mehr oder minder, vor der Rollenfunktion einer Frau im Islam bewahrt. Sie diskutieren auch nicht öffentlich, ob ihre Existenz in einem islamischen Land genauso frei wäre wie bei uns, was definitv nicht so ist.

    Nein, liebe Muslima, ihr seit nicht freie Muslima sondern freie Menschen in einem nicht-islamischen Land. Euer Kopftuch ist kein Symbol für eure Freiheit sondern Ausdruck, dass ihr das hierarchische Rollenverständnis einer islamischen Machogesellschaft anders interpretiert um eure Selbstachtung bewahren zu können.

    Ein anderer Grund liegt in der Möglichkeit sich mit dem Kopftuch von der Masse der nicht-muslimischen Frauen differenzieren zu können. Es ist quasi die islamische Variante des Irokesenschnitt mit dem sich Mode-Punks in der Pubertät ebenfalls von Elternhaus und der Gesellschaft differenzieren.

    Es hat allerdings den Makel, den islamischen Frauen von dem fundamentale Wesen “Moslem” auferlegt worden zu sein, während die Punk- Bewegung dies emanzipatorisch ohne Geschlechterrollen hinbekommen hat.

    Es wäre schön wenn Muslima die Emazipation der deutschen Frau nachvollziehen könnten, das Kopftuch in die Mülltonne der Geschichte verschwinden lassen um den gesunden Menschenverstand und Haupthaar zu lüften. Ich kann euch sagen. Wenn der Wind durch das Haar weht ist das ein wunderschönes Gefühl von Freiheit. Es hat es nicht verdient in einem Stoffgefängnis eingesperrt zu werden.

    Befreit Euch vor euren geistigen Vormündern und Büchern die euch das denken stehlen.

    Wie sagte der Deutsche Pilosoph Immanuel Kant:

    “Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

    “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ”

    Also, legt einmal den Koran beiseite und habt den Mut Euch eures Verstandes zu bedienen.

  2. Russenkind · Oktober 11, 2013

    Von Immanuel Kant stammt auch dies:

    […] Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. […]

    Quelle: http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm

  3. mathieu · Oktober 11, 2013

    Sehr guter Artikel und sehr guter Kommentar dazu.
    Ich bin geneigt, gewisse Personen, zu denen auch die “selbstbewussten” Kopftuchträgerinnen gehören, als Salon-Islamisten zu bezeichnen. Analalog zu den “Salon-Sozialisten” bzw. der verwöhnten rebellierenden Jugend in den 70er, 80er Jahren, die auf ihre linke, kommunistische, sozialistische oder anarchistische Einstellung stolz war, da man sie im Westen als ein rein elitäres Außenseitertum leben konnte (mit dem ganzen Klimbim wie Che-Guevara-T-Shirt, Mao-Mütze und so weiter), während man die reale Menschenunterdrückung, Freiheitsberaubung und Autorität im realen Sozialismus leugnete oder verharmloste.
    Zu diesen Gesinnungs-Sozialisten konnte man mich einst auch zählen. Die Versuchung war und ist groß, sich einer Gesinnung anzuschließen, die einen scheinbar erhöht und die als etwas “Besonderes” erscheint und irgendwie auch cool ist, statt der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen.

  4. Thomas Holm · Oktober 11, 2013

    Hoffnung aus dem Norden: Islamkritischer Gedichtband wirbelt alles durcheinander:

    http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/wir-sind-die-elternlose-generation-1.18188910

    «Ich bin stinksauer auf die Generation meiner Eltern, die Ende der achtziger Jahre nach Dänemark kam. … Sobald sie in Dänemark landeten, schien ihre Rolle als Eltern aufgehört zu haben. Dann konnten wir unsere Väter sehen, wie sie auf Sozialhilfe, mit der Fernbedienung in der Hand, untätig vergammelten, daneben eine desillusionierte Mutter, die nie aufmuckte. Wir, die wir unsere Ausbildung abbrachen, die wir kriminell wurden und Penner, wir wurden nicht vom System im Stich gelassen, sondern von unsern Eltern. Wir sind die elternlose Generation. …

    Im Islam gibt es zu viel Feindschaft, es wird zu viel unterschieden zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, Dänen und Arabern. In meinen Augen ist diese Religion dafür verantwortlich, dass sie den Austausch zwischen der einen und der andern Gesellschaft, auch zwischen dem einen und dem andern Menschen ausschliesst, für den Islam sind alle andern verkehrt, weniger wert, »

    Am meisten nervt ihn die Heuchelei seiner muslimischen Glaubensbrüder, die ihre Töchter und Schwestern in Schleier hüllten, aber selbst in die Stadt gingen und den dänischen Mädchen hinterherglotzen und mit ihnen ins Bett steigen.

    Sie würden stehlen und dealen, hehlen und huren – Hauptsache gläubig, dann sei alles im grünen Bereich. Ein weiteres Problem sei die geistige Unbeweglichkeit des Islams. …

    «Man weiss nichts anderes als das, was man von seinen Eltern erfahren hat und die von ihren Eltern usw., das heisst, das ist ein Gedankengang aus dem 7. Jahrhundert, der reproduziert und reproduziert wurde, ohne sich je zu erneuern.» …

    Am vergangenen Montag ist er von einem «Mann anderer ethnischer Herkunft als dänisch», wie es in der Agenturmeldung heisst, auf dem Kopenhagener Hauptbahnhof angegriffen worden. Vorsichtshalber trägt er eine schusssichere Weste, …

    Seine Reaktion darauf: «Das ist gute alte Arabertradition.»”

  5. Thomas Holm · Oktober 11, 2013

    “Nachdem er in einem dänischen Fernsehsender ein Gedicht vortrug, erhielt er fast 30 Morddrohungen. Diese Woche wurde er im Hauptbahnhof von Kopenhagen tätlich angegriffen – von einem Islamisten, der 2007 wegen eines geplanten Terroranschlags zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war.”

    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Jung-und-fucking-zornig/story/18189624

    Da sieht man mal wieder, das der ganze westliche Krieg mit dem Terrorismus kaum was gebracht hat. Gut dass die Muslime mit ihrem Al Kaida gegen Hisbollah, etc. das jetzt selbst in die Hand nahmen.

  6. Ebru · Oktober 11, 2013

    Das wäre doch mal eine Aufgabe für Khorchide, die Fr.iedens- und Barmherzigkeitsanhänger zur Toleranz zu erziehen. Aber Moment, er wird ja gar nicht von der Ummah anerkannt. Vielleicht sollten die Herrschenden Khorchide absetzen, und Pierre Vogel zum Leiter des ZIT ernennen. Wetten er vertritt Positionen, die von der absoluten Mehrheit der sunnitischen Ummah vertreten und anerkannt werden.