PM: Prof. Khorchide unterstellt Free Minds Polemik

Herr Professor Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, ist mit einem offiziellen Brief an Free Minds herangetreten und hat uns ein Gespräch angeboten. Dieses Angebot möchten wir im Sinne unserer vertretenen Transparenz gerne öffentlich erwidern.Vorgeworfen wird uns im Schreiben von Prof. Khorchide Polemik. Dieses wird leider nicht weiter begründet. Ferner wird den bedrohten und isolierten Frauen mit muslimischem Hintergrund eine unbegründete Angst unterstellt, was Empathie und ernsthafte Auseinandersetzung mit unseren Erfahrungen mit dem praktizierten Islam und den daraus resultierenden extrem schwierigen Lebensverhältnissen zu Wünschen übrig lässt.
So eine Umgangsweise seitens des akademischen Zentrums ist unsachlich und herablassend.
Wir sind an einer wirklichkeitsorientierten, ernsthaften und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam interessiert, auch wenn wir eine klar islam- und religionskritische Position äußern, die wir aber überwiegend im gesellschaftspolitischen Rahmen unserer sozialen Arbeit mit Betroffenen mit muslimischem Hintergrund artikulieren.

Professor Khorchide versteht sich als Aufklärer und Brückenbauer. Free Minds möchte darauf Bezug nehmend, konkrete und problemzentrierte Fragen an das Zentrum für Islamische Theologie stellen, die auf klare und aufklärende Antworten hoffen:

1. Die Al-Azhar Universität ist weltweit bekannt für ihre streng sunnitische, anti-aufklärerische und antisemitische Haltung(*). Sie vertritt ein weitgehend in sich abgeschlossenes und totalitäres Welt- und Menschenbild nach koranischem Selbstverständnis, das jede Aufklärung und Universalität im freiheitlichen und menschenrechtlichen Verständnis missen lassen. Welche Brücke gedenkt das Zentrum für Islamische Theologie im Rahmen der Wissenschaft unter diesen Umständen zu der streng islamischen Al-Azhar Universität zu bauen?

2. Im Jahr 2010 wurde eine Kleine Anfrage “Bedrohung und Verfolgung von anders denkenden Muslimen durch radikal-islamische Netzwerke an der Universität Münster?” im Landtag NRW gestellt. Thema der Kleinen Anfrage waren die internen Auseinandersetzungen 2008 rund um das Centrum für Religiöse Studien (CRS) im Zuge der so genannten “Kalisch Affäre”. In dieser Anfrage wurden wichtige brisante Schreiben ausgewertet, die dazu formuliert waren, mit fragwürdigen und erpresserischen Methoden und Diffamierungen gegen Prof. Kalisch und sein Team, systematisch Druck auf Studierende der Islamischen Religionspädagogik auszuüben, die Lehrveranstaltungen von Professor Kalisch zu boykottieren. Dieser systematische und reaktionäre Boykottaufruf war erfolgreich und gipfelte in der Absetzung des Professors vom Centrum für Religiöse Studien (CRS). Der Landtag NRW weist in seiner Antwort darauf hin: “Wie in anderen Städten auch sind in Münster verschiedene, vom Verfassungsschutz dem islamistischen Spektrum zugeordnete Vereine und Gruppierungen vorhanden. So wird beispielsweise ein islamisches Zentrum der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD) zugerechnet, die zu den Strukturen der Muslimbruderschaft in Deutschland gehört. Das Imam-Mahdi-Zentrum z. B. gilt als Begegnungsstätte für Anhänger der schiitisch libanesischen Hizb Allah. Zu den Personen aus solchen Bestrebungen zählen unter anderem auch Studenten der Universität Münster.” Wie gedenkt das Zentrum für Islamische Theologie in Münster mit diesen Ereignissen und real existierenden Problemen umzugehen?

3. Welche Positionen vertritt das Zentrum für Islamische Theologie in seinem Selbstverständnis, der Aufklärung offen zu sein, zu den wichtigen Themen – um nur einige stichwortartig zu benennen – “Glaubensabfall”, “Selbstbestimmungsrechte von Mädchen und Frauen”, “Homosexualität”, “vorehelicher Sex”, “Partnerschaften von Musliminnen mit Nicht-Muslimen”, “Islamkritik”, “Trennung von Staat und Religion”, “individuelle Auslegung von Glaubensvorschriften”, “Antisemitismus”, “Islamismus”, “Demokratie”, “Diversität”, “universelle Menschenrechte”, “Kunstfreiheit”, “Meinungsfreiheit”?

4. Unserer Meinung und Erfahrung nach wird der Islam nicht instrumentalisiert,(**) wenn in seinem Namen z.B. Abtrünnige getötet, muslimische Mädchen und Frauen unterdrückt und politisch motivierte Terroranschläge verübt werden. Der Islam bedeutet eben nicht nur Frieden und Barmherzigkeit, sondern aus ihm lassen sich direkt Gewalt und Unterdrückung ableiten. Er verursacht seit seiner Entstehung massive Probleme für jede gesellschaftliche Entwicklung, im Sinne des friedlichen Zusammenlebens von Muslimen und Nicht-Muslimen, und für das Individuum in seiner Entfaltung und Auslebung  von Grund- und Freiheitsrechten. “Islam ist Frieden” ist eine gängige rhetorische Praxis, die für Geschichtsklitterung in der Islamischen Welt und kritiklose Auseinandersetzung mit dem Islam sorgt. Sie verhindert weiter die kritische Auseinandersetzung mit fragwürdigen Kernbotschaften, die direkt aus dem Koran und der Sunna von Muhammed hervorgehen. Auch die Vergleichsziehungen mit monotheistischen Religionen sind übliche Praxis, eine ernsthafte Untersuchung des Islam als eigenständige Religion zu vermeiden. Wird diese Tradition im Zentrum für Islamische Theologie weitergepflegt oder ist mit “neuen” und “wissenschaftlichen” Herangehensweisen zu rechnen?

Wir danken für die Aufmerksamkeit und freuen uns auf die Aufklärung!

Mit freundlichen Grüßen
Free Minds

(* Wissenswertes über Al- Azhar
– Antisemitismus:
(…) in a weekly sermon in April 2002, Al-Azhar Sheikh Muhammad Sayyid Tantawi, the highest-ranking cleric in the Sunni Muslim world, called the Jews “the enemies of Allah, descendants of apes and pigs.” (Solnick, A. (2002): Based on Koranic Verses, Interpretations, and Traditions, Muslim Clerics State: The Jews Are the Descendants of Apes, Pigs, And Other Animals. (online) URL: http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/754.htm#_edn2, Stand: 14.11.2012)

– Politischer Einfluss des Islam
(…) Sheikh Ahmed al-Tayeb, the Grand Imam of Al-Azhar Mosque, reiterated Al-Azhar’s position rejecting any changes or amendments to Article II of the constitution [regarding the role of Sharia law in crafting legislation]. He stressed the need to preserve the current content of the article in order to preserve the nation’s identity. (…)
Tayeb concluded: “In summary, the final and conclusive position of Al-Azhar, which has defended and preserved Sharia law for a thousand years and continues to do so today, calls for preserving Article II of the constitution in its current formulation, without any additions or deletions. This is our responsibility before God and the nation. O God, I have informed. O God, may you bear witness.”
(al-Buharyri, Ahmad (2012): Al-Azhar Insists on Keeping Sharia Law in the Constitution, in: Al Monitor – The Pulse of the Middle East. (online) URL: http://www.al-monitor.com/pulse/politics/2012/07/al-azhars-sheikh-we-insist-on-pr.html#ixzz2CBnhm1Ic, Stand: 14.11.2012)

**externer Hinweis: Ich möchte euch (…) in Bezug auf Al Azhar Universität, Islam & Co auf einen tabellarischen Vergleich der sogenannten Kairoer Erklärung der Menschenrechte, beschlossen 1990 an der Al Azhar Universität durch die 52 Länder der OIC mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufmerksam machen. In dieser Gegenmenschenrechtserklärung wird unter anderem in Artikel 1 das gleiche Recht aller Menschen abgeschafft, in Artikel 2 das Recht auf körperliche Unversehrtheit, der Artikel zur freien Partnerwahl verschwindet, Heirat kann aufgrund von Religionszugehörigkeit/Atheismus unterbunden werden, die Gleichberechtigung der Frauen ist abgeschafft, Meinungsfreiheit ist abgeschafft & Menschen dürfen nicht zum Atheismus bekehrt werden.:

 

Von: “Khorchide, Mouhanad” <khorchide@uni-muenster.de>
An: “freeminds09@yahoo.de” <freeminds09@yahoo.de>
Gesendet: 17:11 Dienstag, 13.November 2012
Betreff: Gespräch

Liebes Freeminds-Team,

mein Name ist Mouhanad Khorchide. Ich leite das Zentrum für Islamische Theologie der WWU Münster, das von Ihnen mehrfach öffentlich kritisiert wurde. Da ich mich als Aufklärer sehe und bemüht bin, Brücken zu schlagen, würde ich Sie sehr gerne zu einem persönlichen Gespräch einladen. Selbstverständlich können Sie Ihre Kritik weiterhin auch öffentlich äußern, das ist Ihr gutes Recht, ich fände es dennoch schön, wenn Sie Ihre Position nicht nur polemisch via Internet kommunizieren, sondern Ihr Anliegen auch mit der betroffenen Person in einem offenen Gespräch besprechen würden. Mir ist klar, dass wir die Welt nicht verändern können, wir können aber zumindest einen kleinen Beitrag zu einer entspannten Atmosphäre in so einer „akademischen“ Stadt wie Münster sorgen. Wenn Sie meine Statements und Publikationen verfolgen und mein Anliegen zu verstehen versuchen, werden Sie erkennen können, dass Ihre Ängste unbegründet sind.

Ich würde mich über ein Gespräch sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Mouhanad Khorchide

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——————————————
Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Leiter des Zentrums für Islamische Theologie
Professur für Islamische Religionspädagogik
Hammer Straße 95
48153 Münster
Tel.: +49(0)251-8326102
Tel.: +49(0)251-8326110 (Sekretariat)
Fax: +49(0)251-8326111
http://www.uni-muenster.de/ZIT

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Hintergrund

Das ZIT arbeitet mit der Al-Azhar Universität Kairo zusammen.

Das Zentrum für Islamische Theologie

21 Kommentare

  1. rhizom · November 14, 2012

    Ich verstehe einfach nicht, warum ihr ausgerechnet die liberalen Reformströmungen innerhalb einer Religion angreift und den einfacher gestrickten Fundamentalisten wie Pierre Vogel die Definitionshoheit über so etwas wie den “wahren Islam” zuordnet. Ob es wirklich so hilfreich für Frauen, Homosexuelle, Apostaten ist, wenn keine liberalen Religionslehrer mehr ausgebildet werden, die ein intellektuelles Gegengewicht zu salafistischen Youtube-Videos bilden und theologische Argumente gegen den Fundamentalismus unter die Leute bringen, wage ich dann doch zu bezweifeln. Ihr vertretet eine religionskritische Haltung, aber wo werden denn religionskritische Argumente im realen Leben von Jugendlichen diskutiert und unterrichtet? Nicht an Koranschulen, nicht in Ingenieurswissenschaften und nicht in Mathe, sondern an theologischen Fakultäten und im Religionsunterricht. Das ist der Ort, wo man die Argumente von Marx und Feuerbach, von Kant und Freud zum ersten Mal hört, wo sie Teil des Lehrplans sind und wo eine Atmosphäre herrscht, in der man sie ohne Angst vor Ächtung diskutieren kann. Deswegen würde ich mal darauf tippen, dass die Pierre Vogels und Ibrahim Abu-Nagies dieser Welt genau das gleiche Interesse haben wie ihr: Schließt als Laizisten die Hotbeds der Reformtheologie an den Universitäten, weil die für theologisch ahnungslose Salafisten-Prediger doch nur eine ärgerliche Konkurrenz sind.

  2. Profilbild von Free Minds
    Free Minds · November 14, 2012

    Vielen Dank für die Kritik. Wir geben zu, dass bei der hier präsenten Informationsdichte und unserer Aktivitäten, die inhaltliche Auseinandersetzung schwerfällt, und gleichzeitig einen Überblick zu bekommen, aber bitte um gesonderte Kenntnisnahme der Kleinen Anfrage “Bedrohung und Verfolgung von anders denkenden Muslimen durch radikal-islamische Netzwerke an der Universität Münster?”, die 2010 im Landtag NRW gestellt wurde:

    http://www.sagel.info/service/kleine-anfrage-2010-03-18-Drs-14-10881-radikalislamische-netzwerke.pdf

    “Ob es wirklich so hilfreich für Frauen, Homosexuelle, Apostaten ist, wenn keine liberalen Religionslehrer mehr ausgebildet werden, die ein intellektuelles Gegengewicht zu salafistischen Youtube-Videos bilden und theologische Argumente gegen den Fundamentalismus unter die Leute bringen, wage ich dann doch zu bezweifeln.”

    Tja, wenn die angehenden Islamlehrer aber gar nicht selbstständig und liberal sind (vgl. die obige Kleine Anfrage), sondern wie aus einem Guß gegossen sind, und das werden sie, weil der operierende Beirat größtenteils aus türkischnationalen und konservativen wie arabisch-sunnitischen Hardlinern gestellt ist. Und der wird sich einen Dreck für liberale Auffassungen und Personen einsetzen. Salafismus ist doch nur Palaver, als seien die pseudodemokratischen Gülen- und Erdogan Polit-Zöglinge harmloser… Falls es entgangen ist, das ZIT arbeitet mit der Al-Azhar Universität zusammen, die auch nicht gerade für ihre liberalen Islam-Auffassungen bekannt ist.
    Ahnung ist bei diesem Thema leider Pflicht, die geht über die detaillierte innere Auseinandersetzung, die nicht an der Oberfläche streift und Kontroversen abstrahiert, sondern die Mechanismen und Anachronismen im herrschenden Islam auch in der Kritik zulässt ohne sie zu diffamieren und abzuwürgen.

  3. Zombie-Elvis · November 14, 2012

    “Vorgeworfen wird uns im Schreiben von Prof. Khorchide Polemik. Dieses wird leider nicht weiter begründet.”

    *kicher* Da braucht man doch nur einen flüchtigen Blick auf eure “Empfehlungen” zu werfen, um ihm da Recht zu geben.

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  7. Rahman · November 14, 2012

    Lest endlich sein Buch “Islam ist Barmherzigkeit”, damit ihr versteht, was für einen Islam er vertritt!
    Es gibt Auslegungsunterschiede und Richtungen, und da nicht genauer hinzugucken, kann dazu führen, dass man sich zum Handlanger der extremistischen Richtungen macht, indem man die bekämpft, die nicht extremistisch sind.
    Dass man sein Wirken wohlwollend-kritisch begleitet, ist gut.
    Ihn abzulehnen, bevor er eine Gelegenheit hat, seine konstruktive Seite zu zeigen, genau darin liegt die Polemik.
    Der Mann ist ja gerade kein Extremist. Schon allein aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht. Mir erscheint er, bis zum Beweis des Gegenteils, glaubwürdig. (Und Mutmaßungen, Anschuldigungen, Verdächtigungen, Ängste, Unterstellungen usw. sind keine Beweise.)
    Die von ihm in seinem Buch skizzierte Richtung ist religions-übergreifend versöhnend und schlüssig! Wenn er das so lehrt, dann wird er Deutschland viel Gutes tun.
    Wie gesagt, lest das Buch!

  8. Profilbild von Free Minds
    Free Minds · November 14, 2012

    “Wenn er das so lehrt, dann wird er Deutschland viel Gutes tun.”

    Haha danke für den Hinweis. Soll also heißen, Islam ist Barmherzigkeit, basta? Und wissenschaftlich bestätigt durch ein Buch eines politisch installierten Theologen für Islam. Ja dann muss es ja wirklich so sein. Die strategische Masche ist dumm. Bei uns selbst ernannten Freigeistern fruchtet sie nicht.

    Was Gutes für Deutschland tun, indem man unwissenschaftliche Ideen als Wissenschaft preist, ist nix Gutes, sondern ziemlich rückschrittlich und fatal. Aber Deutschland hat es leider so an sich, auch von Dummheit und totalitären Tendenzen regiert zu werden…

  9. Rahman · November 14, 2012

    Es gibt im Islam, allein schon historisch gesehen, eine ganze Reihe verschiedener Richtungen. Einige Auslegungen sind polemisch und brutal gewalttätig, andere offen und versöhnlich. Man kann also nicht von “dem” Islam sprechen.
    Wer einer versöhnlichen, barmherzigen Richtung anhängt, wird anders handeln als jemand, der andere pauschal als vernichtenswert betrachtet.

    Das gilt entsprechend auch für Leute, die dem Islam kritisch gegenüber stehen. Auch die müssen sich fragen lassen, ob sie eine versöhnliche, Brücken bauende oder eine ausgrenzende Grundeinstellung vertreten.

    Man könnte den freeminds z.B. auch verwerfen, sich zu Handlangern der Salafisten zu machen, indem sie daran arbeiten, einen moderaten Islamunterricht zu torpedieren, indem sie behaupten oder stillschweigend unterstellen, der Islam sei grundsätzlich extremistisch und damit von vornherein abzulehnen. Diese Position ist polemisch, weil sie pauschal jedem Moslem die Möglichkeit abspricht, den Islam friedfertig zu leben und eine entsprechende Theologie anhand der Schriften auch zu begründen.

    Mit bösem Willen könnte man selbst im Christentum die Austreibung der Händler aus dem Tempel zur Grundlage einer Gewaltideologie missbrauchen, indem alle, die nach den hohen Maßstäben der Bergpredigt nur irgendwie Anlass geben, als Sünder betrachtet zu werden, gewalttätig vertrieben werden.
    Ähnlich denken ja gewisse islamische Strömungen. Aber eben nicht alle.

    Wenn man sich also fragt, welches Christentum wir vertreten wollen, und dann seine Wahl getroffen hat, dann kann man sich auch überlegen, welchen Islam wir wollen.

    Dass entsprechende politische Entscheidungen getroffen werden, halt ich in diesem Fall für eine gute Sache. Es ist ein Zeichen, dass Politik Versöhnung fördert, und nicht Krieg, Ausgrenzung und Intoleranz.

  10. Profilbild von Free Minds
    Free Minds · November 14, 2012

    “Man könnte den freeminds z.B. auch verwerfen, ”

    Hey, damit es ein für alle mal klar ist, freeminds wird im Gegensatz zum Islam diffamiert, sanktioniert und ausgegrenzt seit es uns gibt. Also nicht “man könnte”, “man macht schon” ganz pro-aktiv im Sinne des Islam… Insofern ist die Argumentation scheinheilig. Uns zu unterstellen, wir würden die Handlanger der Salafisten sein und die Normalisierung des Islam verhindern, ist lachhaft. Das ist gar nicht unser Problem, woran der Islam leidet, ob an seinen Anhängern oder an seiner eigenen Botschaft. Insofern sehr entlarvend, unsere Kritik in eine bestimmte Ecke zu stellen. Die Wahrheit ist doch, der Islam produziert massenhaft Probleme, er hat ein Problem mit Freiheitsrechten und seine Anhänger umso mehr. Der Faschismus wird auch nicht gemäßigter und erträglicher, wenn man ihn akademisiert und ihm Rechte einräumt. Wir sind auch nicht selbsternannte Weltfriedensstifter und unsere Mission ist es nicht, den Mist zu verschweigen gar zu fördern, den eine Religion verursacht. Also bitte wir lehnen den Islam ab, weil er unser Leben weitgehend ruiniert hat. Außer Lâra, die noch eine Brücke zu bauen versucht, haben wir mit dieser lebensverneinenden Ideologie abgeschlossen. Ja und wir wollen ihn nicht als selbstständige Theologie in der Universität. Wenn da der Aufschrei immer noch ausbleibt, sagt das verdammt viel über die inhaltliche Beschaffenheit der Wissenschaft der Uni Münster aus. Die hat dann nämlich mit Wissenschaft soviel zu tun, wie der Islam mit Barmherzigkeit.

  11. Edward von Roy · November 14, 2012

    Liebe Free Minds,

    vielen Dank, dass Sie diese Ihre Erwiderung veröffentlichen und uns an Leser dieses Blogs damit an diesem für die kulturelle Moderne so wichtigen Diskurs teilhaben lassen. Wie ein universitärer Standort für Islamische Theologie mit Islamkritik umgeht, ist ein Politikum allerersten Ranges.

    Denn sobald es Leuten wie Khorchide gelungen wäre, das islamkritische Gespräch hinter die Kulissen zu ziehen, kann die Öffentlichkeit vom Gesprächsinhalt mindestens vorläufig nichts erkennen und, bei gelingender Beschämung oder sonstiger Einschüchterung, auch nicht auf Dauer. Beim Thema Islam flunkern längst auch die meisten Politiker, dass sich die Balken biegen.

    Es war ein Schachzug von Herrn Khorchide, in der Mail an Sie verständnisvoll (“Selbstverständlich … das ist Ihr gutes Recht”), emotional (“ich fände es dennoch schön”), harmoniebedürftig (“entspannte Atmosphäre”) und kumpelhaft jedenfalls persönlich zu tun und gnädig eine Audienz anzubieten, um (als mindestens regionaler weitgehender Inhaber der Deutungshoheit zu Hidschab, Scharia und Fiqh und bei leider hohem Einfluss auf Hochschullandschaft und Wissenschaftspolitik) die kritischen Geister an seiner Uni auszuhorchen.

    Dann hätte der sich von der Schleierpflicht eines Imam al-Ghazali und vom Führungsanspruch eines Yusuf al-Qaradawi offensichtlich nach wie vor nicht distanzierende Barmherzigkeitstheologe alle gewünschte Information – und die Öffentlichkeit wüsste erst einmal nichts.

    Herzlichen Glückwunsch, es ist eine charakterliche Stärke und große Kunst, Einladungen ins sprichwörtliche Hinterzimmer abzulehnen.

    Sobald sich der Islam von seiner Schariadoktrin und Fiqhpraxis distanziert und zur rein persönlichen, spirituellen Kraft wird, kann er integriert werden, ohne den Rechtsstaat zu beschädigen.

    Mit solidarischen Grüßen
    Edward von Roy

  12. mathieu · November 14, 2012

    @Rahman
    Ihr Vergleich Islam – Christentum zeigt schon, wo Sie gerade mit Ihrem Wissen stehen. Ich empfehle Ihnen, sich tiefer mit beiden Religionen, ihren Dogmen etc. zu beschäftigen. Außerdem sollten Sie den Fall Kalisch kennen. Das würde ihren Optimismus bremsen.

    Selbst wenn Khorchide ein islamischer Dubcek ist, so ist er nur ein Dubcek und strebt bestenfalls einen Islam mit menschlichem Antlitz an, wird dann aber fundamentalistisch überrollt werden. Khorchides Islam ist in der Tat relativ moderat, wäre er Christ, dann wäre er allerdings ein stockkonservativer Christ. Ich weiß nicht, wie die Reaktionen wären, wenn eine reaktionäre christliche Sekte (sagen wir mal die Zeugen Jehovas) so etwas fordern würden. Würde man dann auch sagen, das unterstützen wir? Und die Zeugen Jehovas sind nun wirklich – bei allem, was man ihnen an Irrationalität vorwerfen kann – relativ liebe Menschen, die sagen, Gott ist Barmherzigkeit etc.
    Aber der stockkonservative Khorchide kriegt eben nicht Druck von liberaler Seite (wie die Zeugen Jehovas), sondern von fundamentalistischer.
    Leider wollen oder können Verantwortliche aber ihr Wissen nicht vertiefen, sondern ihnen genügt eine oberflächlich libertäre Gesinnung.

  13. Prof. Hase vom UKM Münster · November 14, 2012

    Sehr geehrte Frau Rektorin Nelles,
    sehr geehrter Herr Prof. Khorchide,

    Sie schreiben der Gruppe tatsächlich:
    “Mir ist klar, dass wir die Welt nicht verändern können,”

    Da bin ich als Mediziner sehr enttäuscht. Oder doch erleichtert. Ich lasse Sie aber mal außen vor, weil Sie offensichtlich die Lage nicht unter Kontrolle haben und richte meine wichtige Frage direkt an die Rektorin:
    Wie viele Skandale wollen Sie sich denn noch leisten? Im UKM Skandal haben Sie
    gerade auch nicht mit Sachverstand und Kompetenz geglänzt.

    Unsäglich langsam.

    Besondere Hochachtung
    Prof. Hase

  14. Pingback: PM: Solidarity of V.I.P “Yes to Free Minds” | Free Minds
  15. Thomas Holm · November 14, 2012

    Ich finde, das Islamprofil, welches von Herrn Khorchide ‘rüberkommt, entspricht ganz gut der berühmten Charakterisierung, die Kalle Marx hier abgegeben hat:

    “Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.”

    http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm

    Marx machte allerdings zu den Wirkungen ihrer speziellen Religion auf die Muslime auch noch folgende Sonder-Bemerkung:

    “Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist “harby”, d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam.”

    http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_168.htm

    Ich könnte mir eine Diskussion über das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Betrachtungen als produktiv vorstellen.

    Offenbartes Opium zwischen Trauer-tröstigem Kiffer-Haschisch – und Hau-drauf und her mit der Jizija Aggro-Tildin.

    P.S. ‘Polemik’ ist im britisch*-zivilisierten Debattensinne nicht ‘ehrenrührig’; ‘demagogisch’ müsste man zurückweisen, aber ‘polemisch’ kann man als Fehdehandschuh beherzt aufgreifen.

    *wird aber in Deutschland manchmal so hingestellt – tückische Falle von Doppeldeutigkeit

    Beste Grüße,

    T.H.

  16. Profilbild von Free Minds
    Free Minds · November 14, 2012

    Hallo Herr Holm,

    vielen Dank für Ihre Beiträge. Es ist der pure Wahnsinn, der so verkannt und schleichend neben dem größeren Wahnsinn abläuft.

    Wir glauben, wenn Marx noch am Leben wäre und die geisteswissenschaftliche Vergewaltigung und Erstickung der Errungenschaften der Aufklärung zum 2. Mal hierzulande miterleben würde:
    Er würde angesichts der Förderung des Wahnsinns bestimmt mit Hegel und Feuerbach zusammen die Universität symbolisch in die Luft sprengen ganz im Sinne von “Wehret den Anfängen” :).

  17. Thomas Holm · November 14, 2012

    Liebe Free Minds,

    freut mich, dass Euch meine Schreibe gefällt.

    Zum “symbolisch in die Luft sprengen” gibt es vom großen Meister eine hohe Maxime, der ich mich gerne verpflichtet fühle:

    “man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.”
    http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm

  18. Thomas Holm · November 14, 2012

    Wo ich die ML-Werke gerade aufgeschlagen habe: Der Financier des großen Meisters bemerkte zum Thema mit erstaunlicher Aktualität:

    “Die Städter werden reich, üppig, lax in Beobachtung des “Gesetzes”. Die Beduinen, arm und aus Armut sittenstreng, schauen mit Neid und Gier auf diese Reichtümer und Genüsse. Dann tun sie sich zusammen unter einem Propheten, einem Mahdi, die Abgefallnen zu züchtigen, die Achtung vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wiederherzustellen und zum Lohn die Schätze der Abtrünnigen einzuheimsen. Nach hundert Jahren stehn sie natürlich genau da, wo jene Abtrünnigen standen: eine neue Glaubensreinigung ist nötig, ein neuer Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an. …”

    Man dreht sich in einem großen kosmischen Kreis; und jetzt der brisante Unterschied zum ‘Westen’:

    “Es sind alles religiös verkleidete Bewegungen, entspringend aus ökonomischen Ursachen; aber, auch wenn siegreich, lassen sie die alten ökonomischen Bedingungen unangerührt fortbestehen. Es bleibt also alles beim alten, und die Kollision wird periodisch. In den Volkserhebungen des christlichen Westens dagegen dient die religiöse Verkleidung nur als Fahne und Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung; diese wird schließlich gestürzt, eine neue kommt auf, die Welt kommt vorwärts.”

    Authentische Kreisbewegungen vs. sakral verbrämte: Umwälzungen progressiver Art –

    das ist m.E. der Ausdruck für die viel umforschte ‘Kulturdifferenz’ – was keineswegs ausschließt, dass Kreisdrehungen auch respektabel sein können, sofern die Beteiligten freiwillig mitmachen und nicht die Polio-Schutzimpfung vergessen; und was sicher auch nicht ausschließen soll, dass andere auch noch andere Ideen zu Progression haben können.

    Engels spricht von einem “Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision” innerhalb der islamischen Gesellschaften, der – und jetzt wird es heikel: darauf zurückgehe, dass:

    “Der Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Religion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andrerseits auf nomadisierende Beduinen.”

    Die Wiederkehr des ewig gleichen – etwas angereichert durch Eroberungen – so könnte man fortschreiben – konnte sich einem vollständigen ‘Darwinschen’ Bankrott vor der Weltgeschichte ersparen – der ansonsten fällig gewesen wäre, nur indem plötzlich etwas passierte:

    Ein Jahrtausende lang tödliches Ungemach auf der Suche nach Wasser, das Anbohren von Öl – verwandelte sich in eine Quelle von unermesslichem Reichtum, bedingt durch das Umrüsten von Kohle auf Petrochemie im davon galoppierten Westen (und Japan …).

    Entgegen anders lautenden Gerüchten wurde das Öl nämlich nicht gestohlen, sondern sehr bald als knappes und ausschlaggebendes Gut für die Entscheidung u.a. von zwei Weltkriegen – fürstlich hoch und immer höher – gehandelt.

    Händler und Beduinen waren so einem Darwinschen Verdikt zwar entronnen, was aber nur zu einer Fortsetzung der beschriebenen Kreisbewegungen führte; und mithin zu immer mehr Abkoppelung und Abgeschlagenheit von einer Weltzivilisation, die als Globalisierung inzwischen sehr weit über den Westen hinaus gegriffen hat (China, Indien, etc.).

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  21. Thomas Holm · November 14, 2012

    Schwerer Rückschlag für gemäßigten Islam: Prominenter und – trotz Assad-Sympathien gar nicht mal unbeliebter – sunnitischer Kleriker in zentraler Moschee in die Luft gesprengt.

    http://english.alarabiya.net/en/2013/03/21/-Leading-pro-Assad-cleric-killed-in-Damascus-bombing-state-TV.html

    “After news of the attack broke, one state television station interrupted its regular program to broadcast verses from the Koran, the Muslim holy book.

    Syria’s official al-Ikhbariya television channel broadcast gruesome footage from inside the mosque, where dozens of bodies were strewn on the carpeted floor. Body parts including limbs and hands were scattered on the floor.”

    Ein Kondolenzfall für Herrn Khorchide und sein Anliegen.

    “ein syrischer Religionsgelehrter türkischer Herkunft. Er ist einer der einflussreichsten islamischen Juristen. Er ist Dekan des Fachbereichs Religion an der Fakultät für Islamisches Recht der Universität Damaskus, Syrien.
    In einigen seiner Werke kritisiert er die Salafi-Bewegung.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Said_Ramadan_Al-Buti

    Die Sache ist auch ziemlich heftig für Erdogan.